2018

image-8773835-Isaz_(002).w640.jpg

Höchst makabre Hinterlassenschaften

 

Mit seiner siebten Produktion begibt sich das isaz-theater Speicher auf das Feld des schwarzen Humors. "Miss Sophies Erbe" sorgt im Buchensaal für anhaltende Heiterkeit.

 

Seit Jahren sind sie an Silvester in Millionen von Stuben auf der halben Welt zu Gast: Freddie Frinton und May Warden mit ihrem unsterblichen Sketch "Dinner for One". Er verkörpert den tolpatschigen Butler James, der auf Geheiss seiner Arbeitgeberin Miss Sophie die längst verstorbenen und demnach nur fiktiv anwesenden Gäste Sir Toby, Admiral von Schneider, Mister Pommeroy und Mister Winterbottom beim Mahl zum 90. Geburtstag von Miss Sophie mit Speis und Trank zu bedienen hat. Dass James vor jedem Gang auf das Wohl der Neunzigjährigen anstossen und die Gläser auch noch leeren muss, hat die hinlänglich bekannten fatalen Folgen.

 

Abgewandelte Version

 

An diesen längst Kult gewordenen Sketch lehnt sich die Komödie "Miss Sophies Erbe" von Andreas Wening in einer Dialektfassung von Peter Waber an. Das isaz-theater Speicher hat sich des heiteren Stoffs angenommen und ihn am vergangenen Wochenende in drei Aufführungen auf der Bühne des Buchensaals umgesetzt. In der Regie von Hansueli Mösli und mit professionellem Sukkurs durch Fredy Kunz sind daraus jeweils vergnügliche, mit allen in derartigen Stücken denkbaren Gags angereicherte zweieinhalb Stunden geworden.

 

Lange Gesichter

 

Wie es der Titel des Dreiakters andeutet, tritt nach dem Ableben von Miss Sophie – sie hatte ihre vier Geburtstagsgäste der Reihe nach geehelicht, sich so einen gewissen Reichtum angeheiratet und sie schliesslich überlebt – die nächste Generation in Erscheinung. Sie tut dies in der Hoffnung, die angekündigte Testamentseröffnung werde ihr Vermögen nachhaltig äufnen, wähnen sich doch alle als erbberechtigt. Aber Ludmilla Stroganoff (Verena Hauser), die Tochter Admiral Schneiders, geht ebenso mit langem Gesicht aus dem von Notar Dr. Harry Ross (Ruedi Herzig) vorgenommenen Verwaltungsakt hervor wie Gilla Winterbottom (Andreina Zink), die Gattin von Mister Winterbottoms Sohn Herbie, Richard Pommeroy (Walter Steingruber), der Sohn Mister Pommeroys, und Siegfried Roy Toby (Martin Mazenauer), Sir Tobys Sohn. Was ihnen in den Schoss fällt, sind lediglich vier Urnen mit der Asche der Verblichenen sowie je ein wertloses Souvenir.

 

Gewürzt mit verbaler Deftigkeit

 

Auf der Bühne tummeln sich sodann noch Gundula von Knorpsheim (Marlis Herzig) als Ludmilla Stroganoffs scharfzüngige Assistentin, Butler Paul, den Marlies Keller in einer Hosenrolle gibt, und Köchin Marlies, gespielt von Rosi Haas. Allesamt bedienen sie sich einer Sprache reichlich abseits des Feinfühligen. Ludmilla von Stroganoff, ein abgehalfterter Operetten-Star mit Hang zur Schwerenot unter umgekehrten Vorzeichen, echauffiert sich permanent und lässt vor allem an ihrer Assistentin Gundula keinen guten Faden, was jene zurückzumünzen weiss. Modemacher Siegfried Roy Toby, mit Hündchen unterwegs, fällt durch buntfarbige Kleidung und durch unverhohlen zur Schau gestellte, von der Norm abweichende sexuelle Orientierung auf. Die geschwätzig-dumme Gilla Winterbottom ist die personifizierte Eitelkeit. Und Richard Pommeroy schliesslich lässt als blasierter Dandy Knickerbocker und Ringelsocken zu Ehren kommen.

 

Strippenzieher

 

Dass es für das Quartett bei der unerwarteten Hinterlassenschaft bleibt, ist das raffiniert eingefädelte Werk eines familiären Trios, bestehend aus Dr. Harry Ross, Köchin Marlies und der zu Butler Paul umfunktionierten Tochter. Sie lachen sich am Ende ins Fäustchen. Und ganz zum Schluss schliesst sich auch insofern der Kreis zum Original, als Harry Ross mit seiner als Köchin getarnten Gattin zur same procedure as every year die Treppe ins Schlafgemach hochsteigt und mit einem Augenzwinkern verkündet: "Well, I'll do my very best."


Martin Hüsler
image-8930477-P1133568.w640.JPG